Die ganze Stadt umarmen,
Grundgütiger.
Die Neonschreie der Kaufhäuser,
zeitschlagende Kirchtürme,
das ewige Badabambadabam der S-Bahnen?
Preismurmelnde Kleindealer
hinter dem alten Friedhof?
Das Juchzen der Pärchen
in den Hecken am Seepark?
Die Maulkorbhunde, bei denen
ich die Straßenseite wechsele?
Ist das wirklich so gemeint?
Die ganze Stadt umarmen?
Keuchende Extremjogger?
Lauthalsige Hinterhof-Jungs
mit ihren Kacke-Sprüchen?
Die zwei Penner unter der Rathausbrücke,
o Gott, wie’s da stinkt?
Alle
mit den fremden Gesichtern,
wie sie mit den Armen fuchteln,
die riechen nicht bloß,
man denkt, sie holen
gleich ein Messer raus,
und die alten Frauen,
die mir nachstarren,
als ob ich Freiwild wäre,
und die jüngeren,
auch nicht von hier,
stehen da im Pulk
mit ihren glutvollen Augen,
lachen sich eins?
Meinen sie mich?
Reden wir mal über To-go-Becher,
die der Wind herumtrudelt,
und über die Schmierereien
an jeder freien Mauer.
Die ganze Stadt umarmen,
das kann man mir nicht zumuten.
Diese Rüpel von Radfahrer,
die SUV-Blödmänner, die laut hupen,
die Idioten mit dem Diesel-Bleifuß
und das Aas von Busfahrer,
der mir gestern erst
die Tür vor der Nase
einfach zugemacht hat.
Der war doch eh sowas von spät.
Den auch?
Grundgütiger.
© hertz
Es gibt tatsächlich einen „Hugging Day“, einen „Weltknuddeltag“, wie es auf deutsch heißt.Es ist der 21.Januar.
U-Bahn zum Mittelmeer
Im Bordfernseh’n das Model,
hüpft in die Lagune,
ein Sportlertyp hinterher.
Ihm folgen hessische Schafe,
summende Honigbienen,
bayrische Volksmusikanten,
Bäuerinnen in Tracht,
Schwarzwald, guck mal,
und ein Klapperstorch.
Dann wieder das Model
ins Wasser, der Typ,
die Schafe,
die Bienen
die Musikanten,
die Bäuerinnen,
die Tracht,
der Schwarzwald,
ein Klapperstorch.
Das Model
fängt wieder an zu hüpfen.
Ich muss hier raus.
© hertz
Grenzfall
Allerdickst kommt’s,
weiss die Nachbarin
aus dem Autoradio,
allerdickst,
haben sie gesagt.
Dann ginge gar nichts mehr.
Unsere beiden roten Tulpen
wiegen weise ihre Köpfchen.
Am Morgen liegt tatsächlich
die Flockenfallgrenze
bei 47 Metern.
© hertz

Straßenkampf
Die Wollmütze
und der Bärtige
klatschen sich ab,
erst mit rechts,
dann mit links.
Stürmisch und stürmischer.
Kehllaute. Singsang.
Ein verwirrtes Eichhörnchen
jagt die Platane hoch.
Der Bärtige spielt
Arm hoch, Finger gerade,
in Kinderpose
eine Hand am Abzug,
das Tier im Visier.
Brrrat-a-tat-tat-tat-tat.
© hertz
Girls‘ Days
Rocca ist elf,
landet einen A-380
– im Film.
Will die Welt verändern.
Pippi ist neun,
das stärkste Mädchen der Welt
– im Roman.
Will die Welt verändern..
Greta ist sechzehn,
regt Schulen auf
– in echt.
Will die Welt verändern.
© hertz
Nachtfenster
Draußen rauscht was ab,
funkelnde Sternschnuppen,
bin wunschlos leer.
Schließe das Fenster.
Träume blanke Taler,
in meinen Schoß
eine Hemdelein
aus allerfeinstem Linnen,
Hochwohlgeboren
schlafe ich ein.
© hertz
Kein Zug
Regenpeitschen.
Böenwummern.
Lichter gehen aus.
Verschon uns.
Kein Zug, es wäre seine Zeit.
Das Tief wird tief und tiefer,
sollte Wotan heißen.
Es gibt bald sowieso
die Sonne nicht mehr,
sagte die junge Frau
gestern an meiner Tür.
Ich lächelte dümmlich.
Sie nicht.
© hertz
Noch Zeit
Wenn du tot bist,
bleibst du hier,
ich öffne kein Fenster,
halte die Uhr nicht an.
Sie sagen dass du riechst,
ich werde dich waschen,
wie es sich gehört,
festlich kleiden,
oben und unten,
deine Wäsche von damals,
das Seidenteil, die Pumps,
der Damenanzug.
Wir haben noch Zeit,
bevor die Kinder kommen.
Ich rücke deinen Sessel
zu den Bildern,
die du gern hast,
das Paar beim Sonnenaufgang,
die Heidelandschaft,
das handgemalte Kätzchen
von deiner Freundin.
Ich mache es dir bequem.
Fernsehen heute nicht.
Ich werde dir vorlesen,
was von Theodor Storm,
mein Harfenmädchen.
Das wird dein Abend.
© hertz
Shooting
Es glitzern die Gleise,
sie lächelt nach unten,
o Gott.
Ein andrer ist da.
Rosa Fliege,
ein meerblauer Frack,
klickert im Takt,
sie macht ihm ihr Mündchen,
wirft ihm ihr Küßchen.
betänzelt die eiserne Brüstung.
Er rollt sich rücklings,
jetzt noch von unten.
Die Braut ist im Kasten
der Anzug ist hin.
© hertz
Schöne Brücke
Hier sollte man springen.
Allein schon der Blick
in die Abendsonne.
Nur dauernd diese Frachter.
Auf einen Container
will ich nicht knallen,
das tut verdammt weh.
Missglückte Arschbombe,
denken die dann.
Ich warte besser noch.
Sonntags da kommen
die Frachter doch nicht.
© hertz

