Zweisam

Nachher ausschalten,
wenn das Wetter durch ist.
Den richtigen Merlot aufziehen,
die richtige Temperatur,
die richtigen Gläser,
die richtigen Untersetzer.
Die Louis-Paulsen-Stehlampe
herunterdimmen,
Stufe eins.
Im Ecksofa sitzen.
Santé.
Angucken.
Weggucken.
Runtergucken.
Schhhh-plitsch.
Zur Küchentür gucken,
die Spülmaschine.
Beine überschlagen,
Beine wechseln.
Schnippsen.
Ein glühender Punkt,
jetzt stärker.
Du wolltest doch.
Ja, ja.

 

 

 

© hertz

 

 

 

 

 

 

 

Lost in Wandsbek

 

 

 

 

 

 

Er sieht sie von weitem,
hat sofort keine Lust auf sie.
Ihr Gang, Herrje, ihr Gang,
muss sie so schrecklich latschen.
Steht jetzt vorm Optikerladen.
Suche eine Frau „schick“
in Jeans und Abendkleid,
schrieb er in seiner Anzeige.
Dies ist das falsche Date.
Dabei war das Foto
in Ordnung gewesen.
Eine Brünette mit Brille,
solide Ausstrahlung.
Er meint ihre Mühe zu sehen,
mit der sie wie zufällig
die Brillenmodelle mustert.
Leicht nach vorne gebeugt,
tut ernsthaft interessiert.
Ihr Anorak wölbt sich weit,
auf jeden Fall falsche Größe,
und ihre Jeans nennt er
bei sich „mädchenfarbig“.
Nein, er mag sie nicht.
Am liebsten gleich da vorn
runter in die U-Bahn.
Aber da hätte er
an ihr vorbei gemusst.
Er fürchtet das Gefühl,
wie ein schnell Besiegter
vom Platz zu rennen.
Er nimmt sich zusammen.

 

 

 

 

 

 

Mit diesem Gefühl
war sie ihm schon
zuvorgekommen.
Der schlanke hohe Spiegel
mit der Jugendstilgirlande
im Schaufenster gab ihr
lange schon den Blick frei
in die breite Marktstraße.
Da war er also, der Typ
mit dem gewissen Lachen,
so hatte sie gelesen,
aufgeschlossen und modern.
Klang gut, passt bloß nicht
auf den Mann, findet sie.
Wie der daherbummelt,
Hände tief vergraben
in breiten Baggy Jeans,
trägt ein Basecap mit Schrift,
vielleicht was Lustiges,
ein Männerspruch, o je.
Hier am Treppenschacht
der U-Bahn ist Treffpunkt.
Ein Unwohlsein steigt in ihr auf,
von Sekunde zu Sekunde
wird es unausweichlicher,
das Date. O Gott nochmal!
Sie verpasst die Chance,
rechtzeitig weiterzugehen,
beim Beef Burger abzutauchen.
Die Distanz wird kürzer.
Jetzt sähe es aus wie Flucht,
sie mag keine Jagdinstinke
auslösen, man weiß ja nie.
Innerlich wappnet sie sich.
Gleich wird er loslegen.

 

 

 

 

 

 

© hertz

 

Die andere Tafel

ES saugt.
Es sumpft.
Es suppt.
Es sifft.
Da kocht was hoch.
Da kocht was nass.
Für alle
Seggen,
Binsen,
Schilfe.
Sumpfzypressen,
Wasserdoste,
Mädesüße,
seien nicht vergessen.

 

 

 

 

 

Es rottet.
Es gammelt.
Es fault.
Es gast.
Ludergruben-Duft.
Tischlein deck dich,
Würmchen streckt sich
zum matschigen Menu
der Egel, Engerlinge,
Maden, Milben, Nematoden,
Pilze, Parasiten.

 

 

 

 

 

 

Schlemmende,
schmatzende
Schmarotzer,
Verdrängte,
Bekämpfte,
Geköderte,
Gespritzte,
Glyphosatierte.
Die ganze Gästeliste
vom Beipackzettel
der Giftdöschen
im Baumarkt.
Mahlzeit, denn.

Da lacht
der Kakerlak.

© hertz

 

 

 

 


Soweit

Dieses Mal
stehst du da
grabbelst
nach dem Smartphone
hilflos
stehst du da
was muss man
jetzt
hier
machen

nicht einmal ein Engel
der über jene Synapsen streift
die sich leeren
dich sänftigte
mit dem stummen Hauch
seines Flügels

© hertz
In Erinnerung an Nikolaus von Kues ( 625.Geburtstag )

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Morgenweiß

Nebelstille.
In sich gehen.

Da weht ein Schleier
um die Briefkästen
rollt sich breit
in die Traufe
geistert stumm
vor allen Fenstern
guckt nicht rein
kennt schon alles
tut einem nichts

 

 

 

 

 

Du könntest raus
in heller Umarmung
mitfließen bloß
diese nassen Küsse
wenn die nicht wären

Nebelstille.

© hertz

 

Wolfsstunde

Es klopft irgendwo
zwischen drei und vier
tiefschlafen geht nicht
wegen da draußen
wegen hier drinnen
man grabscht herum

umarmt das Kissen
fest wie seinen Retter
in Berg- oder Seenot.
Sie kümmern sich also
um einen. Die nervt
wohl das Klopfen nicht

Man denkt was Bedenkliches,
das andere kann warten.
Zum Beispiel an das Alter.
Trotz glücklicher Kindheit
kriegt man’s – wie Klopfen
zwischen drei und vier.

Nö, noch keine Lust drauf.
Das umarmte Kissen kommt
wieder unter den Kopf.
Nicht das Alter, bloß
das Herz, was ein Glück.
Danke, wohin auch immer.

© hertz

Kurpark-Ballade

Ich hatt’n Espresso, tiefschwarz, bullenstark,
dann guckt ich mal rüber und sah sie im Park.
Der Löffel fiel runter, der Zucker flog raus,
mein Herz machte hoppla. Und ich heiße Klaus.

Liegt mitten im Beet, zwischen Dahlien und Rosen.
Eine Nixe in Blond, so richtig zum Kosen.
Die Lilien, die neigen sich sanft zu ihr nieder,
die Hummeln die brummen ihr schlummrige Lieder.

Von Nixen wird manchmal in Märchen erzählt,
welche hab‘n sich schon mal mit Menschen vermählt.
Ihr fehlt doch das Wasser, wie macht sie das bloß,
nur Blüten und Erde. – Ich find‘ sie famos.

Sie räkelt sich lässig, wie sonst wohl im Sand,
und zupft sich ’ne Blüte, die piekt in der Hand.
Steh nackt plötzlich bei ihr und fühl mich so klein,
und starr in die Ferne, doch mir fällt nichts ein.

He, Käpt’n, ruft sie, was hält dich denn fern?
Ich beiße dich nicht, ich mag Männer gern.“
Sie macht mich echt an, wär‘ schon meine Wahl.
Ich denke: Nicht hinsehn, das endet fatal.

Ich gucke gradaus, reck‘ mich wichtig wie’n Mann.
Sonst zieht sie mich gleich ins Beet zu sich ran!
Mein Puls spielt jetzt Drummer, mein Hirn steht auf Stopp,
der Rest von mir denkt: Mach endlich den Hopp!

Kein Wasser, kein Hafen, kein Kiosk in Sicht,
nur Blüten und Sonne und sie im Licht.
Tja, wer einer Nixe ins Auge gerät,
wird leicht in andere Welten geweht.

Ich brauch noch’n  Espresso.

© hertz

Melodrama im Arboretum

Am Wegkreuz steht Prinz Rittersporn,
sein Blau nicht ganz so makellos,
im Halse sitzt ein fetter Kloß,
er regt sich auf und blickt verlor’n.

Die Nachbarrose ganz in weiß
soeben drückte sie sich keusch
an seine Seite ohn Geräusch,
sie macht ihn wild, es wird ihm heiß.

Die Weiße tat ganz unverkrampft:
„Bin ICH – der Wind, er war es nicht,
du bist so schön wie ein Gedicht!“
Der hohe Prinz erblasste sanft.

Als sie ihm nochmals näherrückt,
entweicht ihm unverseh’ns ein Au,
es prickt etwas, er spürt’s genau.
Schon klar, der Herr ist nicht entzückt.

Allein bleibt er am Wegkreuz stehn,
sein Blau nicht ganz so makellos,
im Halse sitzt ein fetter Kloß,
gern möcht er zu der Weißen gehn.

PS
Die Phloxe gucken hin und beben krass,
sie wachsen leider hinten ganz am Rand,
tja, was sie fühlen scheint nicht relevant.
Sie lieben auch den Ritter – und nun das.

Flächenverbrauch netto
Ich-Ausdehnung Auto herausgerechnet

Ein Viertel Quadratmeter
Entbindungsstation, St.Clemens

Ein halber Quadratmeter
Kiefernholzwiege

Ein Quadratmeter
Laufgitter

Acht Quadratmeter
Legoparadies

Sechzehn Quadratmeter
Metallica-Höhle

Vierunddreißig Quadratmeter
Vierer-WG

Zweiundvierzig Quadratmeter
zusammengezogen

Dreiundfünfzig Quadratmeter
Paar mit Kind

Sechzehn Quadratmeter
Kein Paar mehr, kein Kind

Einundsiebzig Quadratmeter
eine Liebe später

Siebenundneunzig Quadratmeter
Anfang der Karriere

Einhundertfünfzig Quadratmeter
Höhepunkt der Karriere

Einhundertneunzehn Quadratmeter
Erwerb eines Ruhestandsobjekts

Einhundertundelf Quadratmeter
Altersliebe

Einundfünfzig Quadratmeter
betreutes Wohnen

Achtzehn Quadratmeter
Pflegeheim Rosenhof

Vier Quadratmeter
Intensivstation, St.Clemens

Eineinhalb Quadratmeter
Institut ‚Abschied in Würde‘

Ein Achtel Quadratmeter
R.P.I.

© hertz

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