Gülle, Gülle

Aus Schläuchen plätschert
das Zeug in die Anlagen.
Die städtischen Anlagen sind schon
abgesperrt, vorsichtshalber.
Die schwarzbunten Kühe traben
dieweil in die Fußgängerzone,
neugierig, ob ihre Bauern
die Sache mit der Kuhkacke
voll in den Griff kriegen.
Leute drücken sich eilig
in die Läden, das Personal
drückt die rote Notruftaste.
Die Securitas wird ausgemuht.
Ein paar Bullen besuchen
mal den netten Dönermann,
garantiert kein Schwein,
sie nehmen grünen Salat.
Alkluge Kälbchen hopsen
ganz allein in den Bus
zum Schlachthof.
Ein schöner Ausflug.
Güle, Güle.

© hertz

Längst

Unter’m schatt’gen Baum
geschrien alle Namen,
verrauscht längst.
Beim schwarzen Weg
geweint bittre Tränen,
versiegt längst.
Im dunklen Stall
geschworn hundert Eide,
verjährt längst.
In ihrem Zimmer
geküsst auf den Mund,
weiß ich noch.

© hertz

Zensur

Es kommt nicht oft vor, dass ein kleines Gedicht etwas Böses tut. Jetzt offenbar doch, und darum muss es weg. Passiert in der Bundesrepublik.


avenidas
avenidas y flores

flores
flores y mujeres

avenidas
avenidas y mujeres

avenidas y flores y mujeres y
un admirador

***

alleen
alleen und blumen

blumen
blumen und frauen

alleen
alleen und Frauen

alleen und blumen und frauen und
ein bewunderer

Die Alice Solomon Hochschule in Berlin will dies Gedicht übermalen, in großen Buchstaben steht es auf ihrer Fassade in Berlin-Hellersdorf geschrieben. Autor ist der Schweizer Schriftstellers Eugen Gomringer. Der Beschluss des Akademischen Senats stammt vom Dienstag, 23.01.2018.

Gomringers auf Spanisch verfasstes Gedicht „avenidas“ steht in der Kritik, weil es Frauen gegenüber als diskriminierend aufgefasst werden könne. Das Stichwort „Sexismus“ fiel in der schon Monate währenden Debatte. Der Lyriker hat lt. Medienberichten die geplante Übermalung scharf kritisiert. „Das ist ein Eingriff in die Freiheit von Kunst und Poesie“, sagte der 93-Jährige am Dienstag der Deutschen Presse-Agentur. Die Maßnahme richte sich gegen ein „nicht weichgespültes Gedicht“.

Sauber

Winterregen
hat die Böschung reingewaschen.
Hier knautschte keine Motorhaube,
hier erbrach sich keine Ölwanne,
hier schrie niemand in den Gurten.

Verloschen das Ewiglicht
im Plastikbecher
vom ALDI.

Nichts
lenkt uns ab.

© hertz

Tafelfreuden 1948

Die Zuckerdose
vom Schwarzmarkt.
Der Speisewärmer
aus den Trümmern.
Der Silberleuchter
aus Opas Garten..

Die Häkeldecke
Zigeunerware.
Die weisse Kanne
von drüben.
Die Weingläser
für Reichsmark.
Das schwere Besteck:
Papas Beute
aus Paris.
Ansonsten
Arzberger
© hertz

Schwarzer Januar

Wenn die Äcker siffig sind,
Trampelpfade joggerfrei,
wenn selbst schwarze Wasserhunde
muffig um die Pfützen stapfen.

Bloß der gebückte Mann
schiebt gleich sein Rad
mitten im Matsch,
Hosen hoch,
Waden frei.
Quitsch, quatsch.

© hertz

Taubenblau

Ich klopfe den Schnee ab.
Schön wieder hier zu sein.
Alles ist gut.
Der Computer aus,
die Herdplatte kalt,
die Terrassentür zu,
nichts tropft im Bad.
Unter meiner Lieblingsdecke
taubenblau
auf dem Sofa
eine Fremde.
Sie schläft.
Aufgeregt blinkt der AB.
Ich drehe den Ton leise.
Man spricht so Japanisch
oder eine andere Mundart.
Ich schaue durchs Fenster,
hinter der Ligusterhecke
die Wölfe.

© hertz

Bescherung

Die Heiligabendwut
schlitzt den Teddy auf,
wühlt aus seinem Bauch
Flöckchen hoch,
sie rieseln herab,
grauer Schnee.
Es riecht nach Schweißhändchen.
Furchtbar.
Unten ruft das Glöckchen
zur Bescherung.

© hertz

Landpfleger

Es begab sich aber in jenen Tagen,
dass Assad Landpfleger in Syrien wurde.
Da machten sich zwei sofort auf
nach einem anderen Ort.
Ihr Kind wurde ihnen unterwegs geboren.
Der andere Landpfleger
hieß Herodes …

© hertz

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