Lost in Wandsbek

 

 

 

 

 

 

Er sieht sie von weitem,
hat sofort keine Lust auf sie.
Ihr Gang, Herrje, ihr Gang,
muss sie so schrecklich latschen.
Steht jetzt vorm Optikerladen.
Suche eine Frau „schick“
in Jeans und Abendkleid,
schrieb er in seiner Anzeige.
Dies ist das falsche Date.
Dabei war das Foto
in Ordnung gewesen.
Eine Brünette mit Brille,
solide Ausstrahlung.
Er meint ihre Mühe zu sehen,
mit der sie wie zufällig
die Brillenmodelle mustert.
Leicht nach vorne gebeugt,
tut ernsthaft interessiert.
Ihr Anorak wölbt sich weit,
auf jeden Fall falsche Größe,
und ihre Jeans nennt er
bei sich „mädchenfarbig“.
Nein, er mag sie nicht.
Am liebsten gleich da vorn
runter in die U-Bahn.
Aber da hätte er
an ihr vorbei gemusst.
Er fürchtet das Gefühl,
wie ein schnell Besiegter
vom Platz zu rennen.
Er nimmt sich zusammen.

 

 

 

 

 

 

Mit diesem Gefühl
war sie ihm schon
zuvorgekommen.
Der schlanke hohe Spiegel
mit der Jugendstilgirlande
im Schaufenster gab ihr
lange schon den Blick frei
in die breite Marktstraße.
Da war er also, der Typ
mit dem gewissen Lachen,
so hatte sie gelesen,
aufgeschlossen und modern.
Klang gut, passt bloß nicht
auf den Mann, findet sie.
Wie der daherbummelt,
Hände tief vergraben
in breiten Baggy Jeans,
trägt ein Basecap mit Schrift,
vielleicht was Lustiges,
ein Männerspruch, o je.
Hier am Treppenschacht
der U-Bahn ist Treffpunkt.
Ein Unwohlsein steigt in ihr auf,
von Sekunde zu Sekunde
wird es unausweichlicher,
das Date. O Gott nochmal!
Sie verpasst die Chance,
rechtzeitig weiterzugehen,
beim Beef Burger abzutauchen.
Die Distanz wird kürzer.
Jetzt sähe es aus wie Flucht,
sie mag keine Jagdinstinke
auslösen, man weiß ja nie.
Innerlich wappnet sie sich.
Gleich wird er loslegen.

 

 

 

 

 

 

© hertz

 

Erwin

Am Ende der Dritten
sich verliebt
in Druckerschwärze.
Die Zeitung roch
morgens so gut.
Ich schrieb ihr
mein erstes Gedicht
über Mond und Sterne.
Sie nahmen es.
Da wusste ich,
wofür zu leben.
Nur mit Erwin
wurde es nie
mehr was,
er hatte mich
nicht gelesen.
Jetzt las ich ihn,
schwarz umrandet.

© hertz

Seestück

Salbeifarben die See.
Auf dem Horizont
ziehen Boote.
Am Himmel malen
die Wolken Zeichen.
Bauch an Bauch
lernen wir unsre
geheimen Namen
by heart.

© hertz

Freud für Männer
Geburtstagsgedicht zum 165sten

Er wollte die Mutter,
die nahm sich der Vater,
Wurd‘ wütend und strafte.
Gebot der Gebote.

Er wollte zu Smilla,
der Vater verbot sie,
mit der spielst du nie mehr,
die ist doch polakisch.

Er wollte Sieglinde,
die fragte die Eltern.
Sie stoppten die Tochter:
Der passt nicht zu uns.

Er wollte die Lore,
verunfallt ihr Lover.
Das Mädchen blieb lieber
des Toten Verlobte.

Er wollte dann Carmen.
Der Heiland war schneller,
sie dürfe mit keinem
sonst wär’s eine Sünde.

Er wollte Beatrix –
die kriegte in Bälde
vom Trainer was Kleines,
empfahl ihm wen anders.

*

Nachdem er dann
weitere siebzehn Jahre
so oder so dahingelebt hatte,
kam die scharfe Su,
die wollte

ihn.

*

Tja, Sigmund.

© hertz

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Heute wäre sein 165. Geburtstag.
Sigmund Freud ist am 6. Mai 1856 in Freiberg/Mähren,
damals Österreich, geboren. Sein Vater war 40, seine
Mutter 20 Jahre alt. Die Familie bewohnte ein Zimmer
im Haus des Schlossers Zajíc, das wahrscheinlich noch
heute in fast unveränderter Form existiert. Später hat
er die abendländische Welt bewegt mit seinen Deutungen
des seelischen Lebens und Erlebens, insbesondere mit
denen über Lust & Liebe.

Erwachen

Ich wollte aufstehen, da
geriet ich in die Muster
ihrer Bluse gegenüber.
Der Bauhof hat Schuld,
gestern war ihre Bank
noch frisch gestrichen,
heute verlief ich mich,
schon, konnte gar nicht
so tief die Augen
niederschlagen, wie ich
hingucken musste.
Verpatzte ein Lächeln.

© hertz

Oder Lyrik

In Wattenscheid weiß ich
einen, der mich liest,
und in St.Andreasberg.
Außerdem noch einer,
ziemlich quer,
Der ist wieder weg.
Also zwei.

Vor dem Fenster knospen
unsre Birnenbäumchen
von der Hochzeit.
Auch zwei.

Wähle, Dichter.

© hertz

Vorbei

Wieso blond
du warst rot
was für Pumps
du trugst Clogs
woher „Cheese“
lachtest klar.
facebook
fakebook
Ich gehe
ans Fenster
gucke auf den See.

© hertz

Bornholmer Straße

Ne Freundin
in Ostberlin
hatt‘ ich mal,
rein platonisch,
sie ging sowieso
mit einem von der NVA.
Rüber machte ich
alle Jahre wieder.
Zutritt von sieben
bis vierundzwanzig Uhr.
Gut für die Moral.

Die Brücke,
die Kleingärten,
Bornholmer Straße,
die Grenzanlagen.
Neulich war alles
im Fernsehen, wie in echt.
Aber dies zeigten sie nicht:

Einmal verdammt spät,
ich total verfranzt,
falsch in der Einbahnstraße.
Herzrasen. Vopo kommt.
Papiere.
Belehrung.
Nicken.
Kehren.
Gute Fahrt, sagen sie.
Ich schaffe die Grenze.
Danke, Jungs.

Und die Platonische –
ach, Heide.

© hertz

Planetendating

Eine Rubensfigur
um die Hüften
ihres Äquators
hat meine Blaue.
In drei Tagen
kann man rum sein,
achtzig war einmal.
Von der heißen Venus
lasse ich die Finger.
Pluto ist eh raus.
Der eisdicke Neptun
passt schon gar nicht,
ich brauche Blüten,
Küsse, Verse und Gesang.

© hertz

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